Warum wir jetzt mehr Erzieherinnen in den Thüringer Kitas brauchen

Mittwoch, 01. März 2017, 09:50 Uhr

In Thüringen wird derzeit über ein neues Kindertagesstätten-Gesetz diskutiert. Genau genommen über den „Entwurf eines Gesetzes über die Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern in Tageseinrichtungen und in Tagespflege als Ausführungsgesetz zum Sozialgesetzbuch – Achtes Buch“.

Ganz schön sperriger Titel, oder?

Dabei stehen viele Forderungen und Interessen im Raum. Die Landesregierung will ihr Wahlkampfversprechen eines beitragsfreien Kindergartenjahres unbedingt erfüllen. Ein Thema, dem ich durchaus zwiespältig gegenüberstehe.

Beitragsfreiheit oder nicht. Das ist hier die Frage.

Einerseits ist eine Kindertagesstätte ein Bildungsangebot. Und Bildung sollte aus Sicht der AWO grundsätzlich für jeden kostenfrei zur Verfügung stehen. Die komplette Beitragsfreiheit von Kindertagesstätten ist deshalb ein wichtiges und langfristiges Ziel der AWO. Andererseits sind die haushaltspolitischen Grenzen ja nur schwer zu übersehen. Das beitragsfreie letzte Kita-Jahr, wie es jetzt geplant ist, kostet jährlich 26 Millionen Euro. Ein beitragsfreies erstes Kindergartenjahr hätte nach Informationen des Thüringer Bildungsministeriums sogar 77 Millionen Euro pro Jahr gekostet.

Die Thüringer Eltern werden nun um diese Summe entlastet. Das ist gut.  Es sind gerade die besser Verdienenden, die davon besonders profitieren. Für einkommensschwache Eltern übernimmt schon heute das Jugendamt ganz oder teilweise die Elternbeiträge. Viele Kommunen staffeln die Elternbeiträge außerdem nach dem elterlichen Einkommen: Wer gut verdient, zahlt auch mehr. Und umgedreht. Dass ausgerechnet eine rot-rot-grüne Landesregierung quasi Geschenke an besser Verdienende macht, wer hätte das gedacht.

Der Personalschlüssel soll sich nicht verbessern

Viel besser angelegt wäre das Geld aus meiner Sicht in mehr Erzieherinnen und Erziehern. Ausgerechnet bei den Personalschlüsseln aber soll das neue Gesetz im Vergleich zum bestehenden Kita-Gesetz nicht verändert werden. Das ist schlecht. Und wird öffentlich auch viel zu wenig diskutiert.

Der jährliche Bildungsbericht der Bertelsmann Stiftung bescheinigt dem Freistaat Thüringen einen Personalschlüssel im unteren Mittelfeld der deutschen Bundesländer. Die Stiftung empfiehlt im Kindergartenbereich eine Anhebung des Personalschlüssels auf 1:7,5 (von derzeit 1:11,4) und im Krippenbereich auf 1:3 von derzeit (1:5,3)

Bedeuten würde das nach Berechnungen der Stiftung allerdings 4.706 zusätzliche Krippenerzieherinnen und  3.427 zusätzliche Kindergartenerzieherinnen allein für Thüringen. Geschätzte Mehrkosten: 376 Millionen Euro pro Jahr. Klar, warum die Landesregierung dieser Empfehlung nicht folgt oder folgen kann.

Grafik: Eigene Darstellung. Zahlen: Bertelsmann Stiftung

Alles Utopie also? Überhaupt nicht.

Jede zusätzliche Stelle zählt.

Jede noch so kleine Verbesserung des Personalschlüssels würde die Betreuungsqualität in den Kitas spürbar erhöhen und für bessere Arbeitsbedingungen in den Kitas sorgen.

Wir erleben es täglich in der Praxis. Und auch in Mitarbeiterbefragungen, die von AWO-Kita-Trägern durchgeführt werden, wird das von den Beschäftigten immer wieder bestätigt.

Die Erzieherinnen und Erzieher empfinden die personellen Rahmenbedingungen häufig als nicht ausreichend. Unzureichende Personalschlüssel bedingen oft große Gruppen mit einem entsprechenden Lärmpegel. Hinzu kommen zunehmend individuelle Förderbedarfe, anspruchsvollere Eltern und die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund sowie die Umsetzung der Inklusion von Kindern mit einer Behinderung.

Die Thüringer Wohlfahrtsverbände fordern in ihrer Stellungnahme zur Novellierung des Kita-Gesetzes deshalb folgerichtig mehr Erzieherinnen in den Thüringer Kitas. Diese Haltung wird im Übrigen auch vom kürzlich erschienenen Zwischenbericht der Bund-Länder-Konferenz „Frühe Bildung weiterentwickeln und finanziell sichern“ unterstützt, an dem auch der Freistaat Thüringen beteiligt war.

Bei der Berechnung der Personalschlüssel wird zudem im Moment eine Ausfallzeit von 15 Prozent einkalkuliert. Viel zu wenig. Tatsächlich fallen nach Berechnungen der LIGA-Verbände Ausfallzeiten von 12 Prozent für Urlaub, 6 Prozent für Krankheitszeiten und 2 Prozent für Fortbildungen an. Also insgesamt 20 Prozent Ausfallzeiten.

Durch die erhöhte Ansteckungsgefahr sind Erzieherinnen und Erzieher auch häufiger krank als der Durchschnitt der Beschäftigten. Bei der Berechnung von Personalschlüsseln wird das aber nicht richtig einkalkuliert.

Berücksichtigt man zusätzlich 10 Prozent für Arbeiten außerhalb der Gruppe, also Elterngespräche, Vorbereitungen, Dokumentationen, Qualitätsmanagement und konzeptionelle Arbeit, die ja im Thüringer Bildungsplan auch gefordert sind, müssen eigentlich 30 Prozent Gesamtausfallzeiten zugrunde gelegt werden.

Die knappe Personaldecke, gerade in der Urlaubszeit oder bei Krankheiten, wie der aktuellen Grippewelle, ist eines der wesentlichsten Kriterien für Überlastung von Erzieherinnen und Erziehern. Der Gesetzentwurf nimmt hier bewusst in Kauf, dass in den Kitas „auf Verschleiß“ gearbeitet wird. Was wiederum zu einer erhöhten Krankheitsrate und Abwanderung in andere Bundesländer oder in andere Berufe führt. Eine Abwärtsspirale. Im Ergebnis muss sich dann niemand über einen Mangel an qualifizierten Fachkräften wundern.

Stichtagsregelung als zusätzliches Problem

Ein großes Problem ist auch die bestehende Stichtagsregelung: Aktuell wird der Personalschlüssel einer Kita an Stichtagen berechnet. Sind kurz nach der Schuleinführung im September weniger Kinder in der Kita, muss auch weniger Personal vorgehalten werden. Logisch, oder?

Für die Erzieherinnen und Erzieher bedeutet das allerdings meist Stundenkürzungen und damit Gehaltseinbußen. Außerdem wird dabei völlig außer Acht gelassen, dass die Gruppen in dieser Zeit zwar nicht voll sind, sich dafür aber überdurchschnittlich viele kleine Kinder in der Eingewöhnungszeit befinden, was einen deutlich höheren Aufwand bedeutet. Eine Personalschlüsselberechnung auf Grundlage des Jahresdurchschnitts der angemeldeten Kinder würde die Erzieherinnen deshalb in ihrer Arbeit entlasten, arbeitnehmerfreundlichere Arbeitsverträge ermöglichen und auch noch den Verwaltungsaufwand minimieren.

All das wird aber in der breiten Öffentlichkeit kaum diskutiert und wäre doch so wichtig, um eine gute Betreuung in den Thüringer Kindertagesstätten sicherzustellen und zu verbessern. Die 26 Millionen Euro des beitragsfreien Kita-Jahres wären in mehr Erzieherinnen und Erziehern auf jeden Fall schon einmal gut angelegt. Das würden sicher auch viele Eltern so sehen. Denn Studien der Bertelsmann-Stiftung zeigen auch, dass viele Eltern sogar bereit wären, für eine bessere Kita-Betreuung mehr Geld zu bezahlen. Ich finde, darüber sollte die Landesregierung nachdenken. Wir jedenfalls werden das in der weiteren Debatte einfordern.


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