Absurde Inhaftierungen

Samstag, 07. Oktober 2017, 15:29 Uhr
Ilkay Yücel, Schwester von Deniz Yücel, und Asili Erdogan standen im Mittelpunkt der diesjährigen Verleihung des Preises für die Freiheit und Zukunft der Medien. Foto: LSoMIlkay Yücel, Schwester von Deniz Yücel, und Asili Erdogan standen im Mittelpunkt der diesjährigen Verleihung des Preises für die Freiheit und Zukunft der Medien. Foto: LSoM Den Leipziger Medienpreis haben dieses Jahr erneut zwei Medienschaffende erhalten, die in der Türkei Opfer staatlicher Verfolgung geworden sind. Die Schriftstellerin Asli Erdogan und der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel wurden am Freitagabend mit dem Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien ausgezeichnet. Weil Deniz Yücel in der Türkei weiterhin in Untersuchungshaft sitzt, nahm seine Schwester Ilkay Yücel die Auszeichnung entgegen.

Die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig vergab den Preis bereits zum 17. Mal. Mit Erdogan und Yücel gibt es inzwischen sechs türkischstämmige Preisträger – so viele wie aus keinem anderen Land außer Deutschland. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung, zugleich Vorsitzender des Stiftungsrats der Medienstiftung, sprach vor diesem Hintergrund von einer "traurigen Tradition" und einer "leidvollen Serie". Die Pressefreiheit in der Türkei sei nicht bedroht, sondern suspendiert. Die Preisvergabe an Deniz Yücel solle helfen, dass sein Schicksal nicht in Vergessenheit gerate: "Wir wollen nicht aufhören, über diesen Skandal zu sprechen, dass ein deutsch-türkischer Journalist schon beinahe ein Jahr in Einzelhaft sitzt, schlicht, weil er seine Arbeit getan hat."

Türkei wandelt sich zum totalitären Regime

Die Preisträger beschrieben eindringlich ihre persönlichen Erlebnisse und die schlimme Lage der Menschenrechte in der Türkei. Asili Erdogan sagte, sie habe sich vor ihrer Verhaftung sicher gefühlt, als bekannte Schriftstellerin, die in mehrere Sprachen übersetzt wurde und mehrfach international ausgezeichnet wurde. "Doch ich habe die Wut eines totalitären Regimes zu spüren bekommen. Ein solches Regime fängt immer bei Journalisten und Schriftstellern an. Später weitet sich der Kreis aus auf Philosophen und andere Akademiker aus. Der Hass auf Intellektuelle vereint alle totalitären Regime in der Geschichte", sagte Erdogan. Inzwischen habe sie aufgehört, hinter dem Verhalten des türkischen Staates eine Logik zu suchen.

Deniz Yücel lässt sich nicht unterkriegen

Ilkay Yücel verlas die Dankesworte ihres Bruders Deniz. Darin schilderte er die Absurdität seiner Inhaftierung. So habe er in Begleitung des deutschen Generalkonsuls zunächst noch mit dem Polizeipräsidenten Tee getrunken, ehe er wenig später in die Zelle gebracht wurde. Dort hätten ihm andere Gefangene, darunter viele politisch Verfolgte, applaudiert als sie erfuhren, wer der Neuankömmling ist. Nach über 200 Tagen in Haft und ohne Anklage sendete Yücel eine beeindruckend trotzige Botschaft: "Ganz gleich, wie lange sich das hier noch hinzieht, und ganz gleich, welche Phantasieerzeugnisse die Staatsanwaltschaft irgendwann in etwas niederschreiben wird, das sie sich Anklageschrift zu nennen trauen wird – ich weiß, warum ich hier bin: Nicht nur, weil ich meinen Beruf als Journalist ausgeübt habe. Sondern, weil ich meine, mir einbilden zu können, dass ich meine Sache recht ordentlich gemacht habe."

Werner Schulz fordert Stopp von Waffenlieferungen und Bürgschaften

Werner Schulz, ehemaliger Bundestagsabgeordnete und Europapolitiker der Grünen, nannte in seiner Rede zur Medienfreiheit drei Maßnahmen, die sofort ergriffen werden sollten, um die Freilassung von Yücel und anderen Gefangenen zu erzwingen. So forderte Schulz, die sogenannten Hermesbürgschaften für die Türkei einzustellen. Mit solchen Bürgschaften werden Investitionen deutscher Unternehmen im Ausland abgesichert. Außerdem sollten alle Waffenexporte gestoppt werden und Konten von Personen aus der Clique von Machthaber Recep Tayyip Erdogan eingefroren werden. Bei der Beendigung der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei riet Schulz hingegen zu Vorsicht und Bedachtsamkeit: "Noch gibt es eine starke Opposition in der Türkei. Wir sollten die Kontakte zur Zivilgesellschaft nicht abreißen lassen."

Konferenz berät über Möglichkeiten zum Schutz bedrohter Journalisten


Bereits zwei Tage vor der Preisverleihung hatten Journalisten, Politiker und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen im Mediencampus Villa Ida Strategien zur Verteidigung der Pressefreiheit diskutiert. Fast 100 Teilnehmer aus ganz Europa nahmen an der Konferenz "Defending journalists under threat" des Europäischen Zentrums für Presse und Medienfreiheit (ECPMF) teil. Eine offene Debatte verbessert die Qualität von Regierungen“, sagte der neue OSZE-Beauftrage für Medienfreiheit, Harlem Désir, in seinem Eingangsvortrag. "Attacken auf Journalisten sind Attacken auf die Freiheit einer ganzen Gesellschaft".

Die Konferenzteilnehmer widmeten sich in mehreren Debatten und Vorträgen einzelnen Aspekten des Themas. Die Bandbreite reichte von Hass im Netz gegen Journalisten bis zum Schutz von Quellen und Whistleblowern. Auch konkrete Lösungsansätze wurden diskutiert. So könnten schärfere Gesetzte auf europäischer Ebene Journalisten besser schützen. Zudem brauche es mehr Zufluchtsmöglichkeiten für bedrohte Medienvertreter. Darüber hinaus sollten sich Journalisten europaweit stärker vernetzen, um sich gegenseitig zu helfen.

Text: Alexander Laboda

Leipzig School of Media gemeinnützige Gesellschaft für akademische Weiterbildung mbH (LSoM)

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Die Leipzig School of Media ist in Mitteldeutschland zu Hause und ist spezialisiert auf die berufliche Weiterbildung im Bereich Crossmedia. In vier Masterstudiengängen sowie in Kursen und Schulungen bildet die hundertprozentige Tochter der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig berufstätige Arbeitnehmer und Medienschaffende aus Agenturen, Redaktionen, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen berufsbegleitend weiter. Spezialthemen sind Corporate Media, Mobile Marketing und Crossmedia Management. Die Angebote werden in Kooperation mit der Universität Leipzig und der HTWK Leipzig organisiert.