Überleben im Projekt – Von Gschichtldruckan und Motschkeranten

Mittwoch, 16. Mai 2018, 14:00 Uhr

Bereits vor längerer Zeit, habe ich einige Tipps für Deutsche in Österreich-Projekten niedergeschrieben. Jetzt wird es Zeit nachzulegen. Im Fokus diesmal: die lieben Kollegen.

Die meisten Projekte scheitern nicht an den Inhalten, sondern an der Zusammenarbeit der beteiligten Personen. Um trotzdem seine Ziele zu erreichen, braucht es daher Fingerspitzengefühl, bei der Suche nach geeigneten Unterstützern. Doch wie finde ich die?

Menschen in Wien

Ich möchte hier einige hilfreiche Persönlichkeitstypen vorstellen, die mir in meinen Projekten in Österreich immer wieder begegnet sind. Sicher haben auch Sie solche Kollegen schon erlebt.

 

Der Schwadroneur oder Gschichtldrucka

Dieser Kollege ist ein wahrer Netzwerker: Er kennt jeden, weiß alles und hat zu allem eine Meinung. Sein Motto: „Beim Reden kommen die Leut zamm.“ Man trifft ihn oder sie häufig in der Kaffee- [sprich: café]-Küche, im Rauchereck oder im Zimmer von Kollegen. In Projektmeetings neigt er manchmal dazu, zu viel zu schwadronieren. Für ein gutes Projektmarketing ist er aber unerlässlich, denn er beeinflusst maßgeblich die Stimmung bei den Kollegen und den Flurfunk. Außerdem kennt er oft auch die Vorgeschichte des Projekts und kann so helfen, die Fallen aus früheren Projekten zu vermeiden.

Mein Tipp: Falls diese Rolle im Projekt noch nicht besetzt ist, unbedingt einen erfahrenen, unternehmensinternen Kollegen ins Projekt holen, der diese Rolle übernehmen kann. Bei sehr vielen Gschichtldruckan im Projekt: mehr Zeit pro Meeting einplanen.

 

Der Wunderwuzzi und der Motschkerant

Der Wunderwuzzi glaubt an das Projekt. Er weiss und will alles. Für ihn ist es die perfekte Gelegenheit, neue Methoden und Technologien auszuprobieren oder zusätzliche Anforderungen umzusetzen. Mit seiner Begeisterung kann er andere anstecken und Veränderungen auf den Weg bringen. Doch es ist Vorsicht geboten: Zuviel Neues gefährdet das Projekt und die Akzeptanz bei den Staudenhockern.

Werden die Ideen eines Wunderwuzzis zu oft abgelehnt, entwickelt er sich häufig zu einem Motschkeranten. Der Motschkerant hat alles schon einmal gesehen und/oder ausprobiert. Funktioniert hat nie etwas. Außerdem weiß er alles besser, aber auf ihn hört ja niemand. Das Projekt lehnt er als Ganzes ab bzw. betrachtet es von vornherein als zum Scheitern verurteilt.

Mein Tipp: Motschkeranten können die Stimmung im Team sehr schädigen. Aufpassen muss man besonders bei Motschkeranten, die gleichzeitig Gschichtldrucka sind. Hier hilft nur: diese Kollegen intensiv im Projekt beteiligen, Einwände aufnehmen und aktiv behandeln. Alle anderen Motschkeranten darf man getrost ignorieren: es gibt sie schließlich in jedem Projekt.

 

Staudenhocker

Der Staudenhocker kann sich nur schwer mit neuen Ideen anfreunden. Sein Motto: „Des hamma scho imma so gmocht“. Erst nach einer Schulung und einer gewissen Eingewöhnungszeit wird er neue Methoden übernehmen. Sobald es im Projekt stressig wird, fällt er aber sofort auf sein altbewährtes Vorgehen zurück.

Mein Tipp: Gibt es im Projekt viele Staudenhocker, sollte man besonders Motschkeranten im Team frühzeitig einbeziehen. Schwadroneure können für bessere Akzeptanz der Ideen sorgen. Die eigentliche Arbeit übernehmen aber zunächst die Machatscheks und Gschaftlhuaba. Aber Vorsicht: nicht zu viel Druck ausüben.

Jeder ist anders.

Machatscheks, Gschaftlhuaba und Hudler

Für die eigentlichen Umsetzer kennt das Österreichische viele Begriffe: Während der Machatschek noch als tatkräftiger Anpacker gesehen wird, artet die Arbeit der Gschaftlhuaba und Hudler zunehmend in Stress aus. „Nur ned hudeln“ bzw. „Vom hudeln kommen die Kinder“ ist für viele Österreicher ein wichtiges Lebensmotto. Sinngemäß: Eile mit Weile. Nicht so für den Hudler, der alles übereilt und oft etwas „schlampert“ – also nachlässig und unzuverlässig – ist. Der Gschaftlhuaba wiederum stellt sich durch geschäftiges Tun in den Vordergrund, bringt aber nicht immer alles zu Ende.

Mein Tipp: Geht es im Projekt nicht voran oder fehlen Entscheidungen, dann braucht es meist noch einen Machatschek. In Krisenzeiten sollte man aufpassen, dass nicht plötzlich alle Gschaftlhuaba und Hudler werden.

 

Owagneisser

Der Owagneisser weiß genau, wie das Projekt ablaufen muss. Er kümmert sich um eine genaue Planung, manchmal auf Jahre hinaus und im stillen Kämmerlein. Grundsätzlich kann man mit einem Owagneisser nicht viel falsch machen: solange es auch den ein oder anderen Machatschek im Projekt gibt, wird sich das Projekt nicht im Planungsprozess festfahren.

Mein Tipp: Auf ein ausgewogenes Verhältnis achten: zu viele Owagneisser neigen dazu, Planung, Vorlagen und Anforderungen so lange zu verfeinern, bis das Projektende nur noch wenige Wochen entfernt ist. Zu viele Machatscheks legen eventuell schon los, ehe klar ist, was eigentlich Projektziel ist. Muss ein Owagneisser beschäftigt werden, gibt man ihm MS Project und er ist glücklich.

 

Fazit

Ob Wunderwuzzi, Owagneisser oder Motschkerant: Erst der richtige Rollenmix macht ein Projekt erfolgreich. Fehlende Rollen kann man als Projektleiter selbst übernehmen oder zusätzliche Experten ins Team holen. Anschließend sollte man sich zurücklehnen und sich wie die österreichischen Kollegen sagen: „Des moch mo scho“ (Sollte das Projekt trotz optimaler Planung nicht erfolgreich sein, war sicher nicht ich Schuld.)

Zuletzt noch herzlichen Dank an meine Kollegen bei ANECON und in vielen Kundenprojekten, die keine Mühen gescheut haben, mir die österreichische Kultur näher zu bringen (und mich immer wieder auf meine zahlreichen Fehler hinweisen).

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