Was Testmanager von Projektmanagern unterscheidet

Montag, 09. März 2020, 17:23 Uhr

Zu Beginn einer jeden Schulung pflege ich die Erwartungen der Teilnehmer abzufragen. Im „Certified Professional for Project Management“ (ASQF® CPPM) erhalte ich gelegentlich eine Antwort, die mich immer wieder überrascht. Meist sind es Kollegen, die mir sagen, sie sind Testmanager und würden gerne wissen, was ein „richtiger“ Projektmanager so macht. 

Das wirft eine grundlegende Frage auf: Worin unterscheiden sich Projektmanager von Testmanagern? Die naheliegende Antwort lautet: „das Gehalt“. Man könnte vermuten, dass Projektmanager besser verdienen als Testmanager. Schließlich leiten sie die größeren Projekte. Überraschenderweise liegt das durchschnittliche Jahresgehalt eines Testmanagers (m/w/d) mit €59.900,- etwas höher als das Durchschnittsgehalt von Projektmanagern. Dieses beträgt laut Stepstone €55.000,-. Ist Testmanagement also schwieriger als Projektmanagement? Oder ist Testmanagement unbeliebter und es handelt sich um einen Effekt von Angebot und Nachfrage? Oder liegt die Differenz schlicht innerhalb des statistischen Fehlers?

Gemeinsamkeiten

Tatsächlich sind Testmanager ebenso Projektmanager wie ihre Kollegen, die diesen Titel offiziell auf der Visitenkarte stehen haben. Nur leiten sie halt ein Teilprojekt, eben das Testprojekt. Was die Aufgabe nicht unbedingt einfacher macht. Beide müssen das Handwerkszeug eines Managers beherrschen. Dazu gehören Punkte wie die Planung von Aktivitäten, Aufwandsabschätzungen, Fortschrittsüberwachung, Risikomanagement und – ganz wichtig – das Berichtswesen. Manager müssen den Überblick behalten, Informationen beschaffen und weitergeben, Entscheidungen treffen und diese auch durchsetzen. Es sind Führungskräfte. Das gilt auch für Testmanager.

Jetzt wissen wir alle, dass die methodische Kompetenz nur einen Bruchteil dessen ist, was eine gute Führungskraft ausmacht. Weitaus wichtiger (und weitaus schwieriger zu vermitteln) sind die sogenannten „weichen“ Faktoren: die Soft Skills. Wie kommuniziere ich wirksam, sodass mein Gegenüber auch empfängt, was ich versuche zu senden? Wie motiviere ich Mitarbeiter bzw. wie halte ich die hoffentlich gegebene intrinsische Motivation hoch? Welcher Führungsstil ist in welcher Situation angemessen? Wie führe ich Mitarbeiter, denen ich innerhalb einer Matrixorganisation gar nicht hierarchisch vorgesetzt bin? 

Soziale Kompetenz ist ein komplexes Thema und beginnt mit der Analyse der eigenen Person. Wie ticke ich? Wie reagiere ich auf Druck und was genau stresst mich überhaupt? Denn Druck verspüren wir alle, Projektmanager ebenso wie Testmanager. Ein weiterer, wichtiger Faktor ist der Umgang mit anderen. Hier heißt das Zauberwort „Wertschätzung“. Ein guter Manager vermittelt jedem einzelnen Mitarbeiter, dass er ihn für wertvoll hält. Ohne gegenseitige Wertschätzung wird es schiefgehen. Denn auch Mitarbeiter müssen ihre Chefs wertschätzen.

Unterschiede

Bei aller Gemeinsamkeit gibt es jedoch auch Unterschiede zwischen Projekt- und Testmanagement. Die folgenden Thesen spiegeln dabei meine subjektive Ansicht wider.

  1. These: Testmanager benötigen mehr Fachwissen

Natürlich sind Fachwissen und Branchenkenntnis auch für Projektmanager von Vorteil. Abgesehen davon, dass man Entscheidungen leichter trifft, wenn man versteht, worum es geht, werden sachkundige Führungskräfte von ihren Mitarbeitern besser akzeptiert. Wobei diese Regel durchaus Ausnahmen besitzt. Gerade Projektmanager können auch durch Organisationstalent punkten. Für die Sachfragen gibt es ja Experten im Team. 

Testmanager sind oft noch näher an der Materie dran und müssen daher auch mehr davon verstehen. Das bedeutet nicht unbedingt, dass sie jedes Detail durchdrungen haben müssen. Auch Testmanager haben ihre Experten, z.B. für die Automatisierung oder den Penetration-Test. Dennoch spielt (zumindest meiner Erfahrung nach) Fachwissen eine größere Rolle.  

  1. These: Projektmanager müssen mehr verhandeln

Eine wesentliche Aufgabe des Projektmanagers besteht darin, die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Projektdurchführung zu schaffen. Dazu müssen Anforderungen geklärt, das Team zusammengestellt und Anschaffungen (Komponenten, Dienstleistungen, Lizenzen) getätigt werden. Im weiteren Projektverlauf geht es möglicherweise um zusätzliches Budget oder mehr Zeit. Alle diese Punkte wollen verhandelt werden. 

Auch Testmanager müssen verhandeln, z.B. wenn sie einen weiteren Testaufbau benötigen oder wenn es darum geht, Experten aus einem anderen Team für eine gewisse Zeit ins eigene Projekt zu holen. Ein wichtiger Verhandlungspartner ist dabei der Projektmanager, der das Anliegen dann weiter in den Lenkungskreis trägt. An dieser Kette kann man erkennen, dass Projektmanager an mehr „Fronten“ kämpfen, als Testmanager es tun.   

  1. These: Testmanager verwalten den Mangel

Testmanager bewegen sich in der Regel innerhalb eines denkbar eng gesteckten Rahmens. Selbst bei agil abgewickelten Projekten findet ein Großteil der Zeit- und Budgetplanung vorab statt. Im Systemtest kommt erschwerend hinzu, dass sich alle bisherigen Verzögerungen und Mehrungen akkumulieren. Der Druck ist enorm, da der Test die letzte Hürde vor der Freigabe ist. (Das ist keine These, sondern Fakt.)

Fazit

Prinzipiell unterscheiden sich die Aufgaben von Projektmanagern und Testmanagern nur wenig. Beide benötigen ähnliche Fähigkeiten. Beide sind Führungskräfte, deren Soft Skills enormen Einfluss auf den Projekterfolg haben. Der wesentliche Unterschied besteht in der Größe des Projekts und damit verbunden in der Größe des Handlungsspielraums, der Anzahl der Schnittstellen und der technischen Detailtiefe. Wie schon gesagt, ist das Testprojekt ein Teilprojekt. 

Dies gilt übrigens auch für viele Softwareentwicklungsprojekte. Nur wird der Titel „Projektmanager“ nicht so differenziert verwendet. Aus der Visitenkarte geht nicht unbedingt hervor, ob die oder der betreffende SW-Projektmanager oder Gesamt-Projektmanager ist (zumal die Unterscheidung bei reinen Software-Produkten nicht sinnvoll ist).

Die Menge der Gemeinsamkeiten zwischen Projekt- und Testmanager legt nahe, dass auch Ausbildung für beide ähnlich sein sollte. Es gibt eine Reihe renommierter Schulungen zum Thema „Projektmanagement“, beispielsweise von der Deutschen Gesellschaft für Projektmanagement (GPM). Ich persönlich kenne jedoch keinen Testmanager, der dieses Curriculum durchlaufen hätte. Die meisten sind ausgebildete ISTQB® Certified Tester Advanced Level Testmanagement (CT-AL TM).

Der eingangs erwähnte Kurs zum „Certified Professional for Project Management“ (ASQF® CPPM) ist das Pendant zum CT-AL TM für Software-Projektmanager. Innerhalb von vier Tagen erhalten die Teilnehmer das erforderliche Rüstzeug, um kleinere bis mittlere Projekte zu leiten. Dabei geht es sowohl um Methoden (z.B. Schätzmethoden) als auch um Soft Skills. Agile und sequenzielle Vorgehensmodelle werden gleichberechtigt nebeneinander betrachtet. So können Brücken geschlagen und das Beste aus beiden Welten vermittelt werden. Schließlich profitiert jedes Projekt von einer kurzen, täglichen Absprache. Planning Poker lässt sich ebenso in sequenziell abgewickelten Projekten spielen und Use Cases kommen auch agilen Projekten zugute.

Weitere Informationen zum Kurs gibt es auf den Webseiten des ASQF® (www.asqf.de).

Die Autorin

Anne Kramer ist Projektmanagerin, Prozessberaterin und Trainerin bei der sepp.med gmbh, einem IT-Dienstleister mit Schwerpunkt Qualitätssicherung, und blickt insgesamt auf über 20 Jahre Projekterfahrung zurück. Sie referiert regelmäßig auf Konferenzen und in Webinaren. Dabei liebt sie es, Fachthemen mit anderen, teilweise sachfremden Themen zu verknüpfen und unübliche Präsentationsformen auszuprobieren. Darüber hinaus ist die promovierte Physikerin passionierte Lehrbuch-Autorin. In ihrem neuesten Werk, dem Projektmanagement-Krimi “In Zeiten der Grippe”, kombiniert sie Fachbuch und Literatur zu einem Lehrbuch der besonderen Art (ISBN 978-3750417175).  

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Arbeitskreis Software-Qualität und -Fortbildung e.V.

Der Arbeitskreis Software-Qualität und -Fortbildung e.V. (ASQF) ist das Kompetenznetzwerk für Software-Qualität im deutschsprachigen Raum. Die über 1.200 im ASQF engagierten Global Player Unternehmen, leistungsstarken Mittelständler, Fachleute, Hochschulen und Forschungseinrichtungen vereint der gemeinsame Einsatz für hohe Standards in der Informations- und Kommunikationstechnologie. Know-how, Produkte und Dienstleistungen auf höchstem Niveau zu schaffen ist besonders in der Software-Branche mit ihrem starken internationalen Wettbewerb entscheidend. Die ausgezeichnete Qualität der Software-Produkte ist der strategische Wettbewerbsvorteil und damit Standortfaktor Nummer 1. Diesen Qualitätsvorsprung zu sichern und nachhaltig auszubauen ist daher oberstes Anliegen der ASQF-Mitglieder in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dieses Anliegen wird im ASQF gebündelt und verstärkt.